Donnerstag, 7. Juni 2012

Provozierender Ruf zur Umkehr


Die Lage der großen Kirchen in Deutschland ist wahrhaft desaströs. Egal ob katholisch oder evangelisch, beide leiden an einem Vertrauensverlust und an der Teilnahmslosigkeit ihrer Mitglieder.  Mit schonungslos offenen Fakten beschrieb Joachim Kunstmann, Pfarrer und Dozent für evangelische Religionspädagogik an der PH Weingarten, den Auszug der Christinnen und Christen aus ihren Kirchen. „Da gebe es nichts schön zu reden“, rief er den gut sechzig Teilnehmern zu, die am Montagabend zu seinem Vortrag beim forum thomas ins katholische Gemeindezentrum St. Maria in Göppingen gekommen waren.

„Was nutzen denn alle noch so schönen Bekenntnisse, Dogmen, Kirchenräume und Gottesdienste, wenn sie völlig an der Erfahrung und an den Bedürfnissen der Menschen von heute vorbeigehen?“ so Kunstmann. Ebenso provozierend sein Ruf zur Umkehr: „Nehmen wir endlich wieder Maß am Leben des Jesus von Nazareth und an seiner Botschaft vom Reich Gottes mitten unter uns“. „Der hinterließ ja schließlich keine ausgefeilte Lehre kein dogmatisches Lehrgebäude. Seine ganze Botschaft war Zeugnis dafür, dass Gott seiner Schöpfung nahe ist in allem und in allen.  Sollte Kirche sich dann etwa begnügen mit Bekenntnissen, Lehraussagen, Gottesdiensten, Bildern und Zeugnissen aus Schrift und Tradition? Gerade die Nähe Gottes ist doch das, worauf die ganze Bibel, worauf auch das Zeugnis des Jesus von Nazareth hinweisen wollen. Nähe zeichnet ihn aus, den Gott, der Liebe ist“, betonte der Dozent aus Weingarten.

„Daran kranke Kirche im Kern, dass sie historisch bedingte Traditionen hüte, aber kaum mit der unmittelbaren Gegenwart Gottes im Hier und Jetzt rechne. Umkehr heiße, gemeinsam Erfahrungen der Nähe Gottes zu suchen und in den Austausch über die heilsame Begegnung mit ihm zu kommen. Das entspricht der frohen Botschaft des Jesus von Nazareth im Zeugnis der Schrift. Heilsame Begegnung ist dabei zu allen Zeiten für alle möglich. Ohne Zweifel können die christlichen Traditionen (Bibel, Bekenntnisse, Lehraussagen, Liturgien, Bilder usw.) auf diesem Weg hilfreich sein. Ja, sie sind ein echter Schatz und von einer oft kaum einholbaren Tiefe und bleibendem Wert, weil sie Zeugnis ablegen von der Geschichte Gottes mit den Menschen. Doch, sie sind Medien, nicht die Begegnung selbst. Es gilt, die Geschichte Gottes mit den Menschen fortzuschreiben, denn christliche Religiosität ist stets eine Inspiration, eine Erfahrung des Heiligen. Sie ist Wahrnehmung Gottes im Alltag, ist die Erfahrung, von Gott geliebt und im Leben willkommen zu sein. Überall dort, wo diese Erfahrung zur Sprache kommt, überall dort ist Kirche nicht eine kultivierte Sonderwelt, sondern lebendige Gemeinschaft, die zur Kommunikation ihrer heilsamen und froh machenden Erfahrungen drängt“, verdeutliche der evangelische Pfarrer seine Position.

Die anschließende Diskussion im forum thomas gab die innere Spannung zwischen dem bisweilen ängstlichen Festhalten am Überlieferten und der befreienden Glaubenserfahrung des mir nahen Gottes in zahlreichen Beiträgen wieder. Sie machte Mut für den Weg, den das Dekanat Göppingen-Geislingen im Diözesanen Dialogprozess beschreiten will: „Gemeinden sollen wieder zu lebendigen Erzählgemeinschaften und damit zukunftsfähig werden“.

Dienstag, 8. Mai 2012

9,5 Thesen zu einer Umkehr im christlichen Selbstverständnis

Provozierender Ruf zu angstfreier Lebendigkeit

Die oft bewundernswerte Arbeit in den christlichen Kirchen bleibt zunehmend ohne Resonanz. Die tiefen Schätze der christlichen Überlieferung sind inzwischen weitgehend unbekannt, auch unter Christen selbst, und trotz eines spürbar hohen allgemeinen religiösen Interesses. Ganz offensichtlich halten immer mehr Menschen das Christentum für belanglos im Blick auf ihr eigenes Leben. Strukturelle Reformen und innerkirchliche Ermutigungen reichen keineswegs aus, um diese Situation zu verändern; sie können das Problem auch verdecken. Es steht eine Korrektur des christlichen Selbstverständnisses an.
Das Christentum muss zu seiner Quelle zurückkehren.
Es muss sich wieder als ein Lebensvertrauen verstehen, das sich religiöser Erfahrung verdankt – und nicht als eine Überzeugung, die auf der Wahrheit von Überlieferungen beruht. Es muss die Menschen als Beteiligte, nicht als Zuhörer verstehen. Das Christentum muss daher klar und offen unterscheiden zwischen der Wahrnehmung Gottes und den Bekenntnissen, Sätzen, Ämtern, Gesten und allen Medien, durch die diese Wahrnehmung kommuniziert wird.

Referent: Prof. Dr. Joachim Kunstmann

Ordinierter Pfarrer und Dozent für evang. Religionspädagogik.
Päd. Hochschule Weingarten; jüngste Buchpublikation: Rückkehr der Religion. Glaube, Gott und Kirche neu verstehen.

Montag, 21. Mai 2012, 20:00 Uhr, Göppingen St. MariaKath. Gemeindezentrum Ziegelstraße 11
(Eingang neben Haupteingang Kirche)


Freitag, 4. Mai 2012

Grußwort netzwerk Arbeitswelt und der KAB zum 1. Mai 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ein herzlicher Gruß an Euch an diesem Tag des 1. Mai, dem Tag der Solidarität und der Arbeit, ein herzlicher Gruß von der Katholischen Kirche, dem netzwerk arbeitswelt als Nachfolger der Betriebsseelsorge, der Katholischen Arbeitnehmerbewegung KAB  und der Evangelischen Kirche.
Und wir sagen Euch als katholische Kirche die Solidarität  zu im Kampf um die Soziale Gerechtigkeit. Und Euer Motto und Forderung nach Gerechten Löhnen und sozialer Sicherheit passt zwingend in diese Zeit. Denn obwohl Teile der Wirtschaft boomen und Arbeitslosenzahlen zurückgehen, spaltet sich der Arbeitsmarkt immer mehr: Die Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse steigt, Leiharbeit nimmt bei eingeschränkter sozialer Absicherung zu, Armut und Altersarmut  greifen um sich und die Würde des Menschen ist in Gefahr. Und daran wollen wir als Kirche keinen Zweifel lassen: Der Schöpfungsauftrag und die Möglichkeiten der menschlichen Entfaltung in Arbeit und Beruf ziehen zwingend würdevolle Arbeit für alle Menschen nach sich – und das mit auskömmlichen Löhnen. Und es gehört zu unseren Grundaussagen der christlichen Religionen, dass Armut ein Skandal und Eigentum eine Verpflichtung ist. Und schon deshalb sind wir, die Kirchen und Gewerkschaften, hier Verbündete für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, für unbefristete Übernahme von Auszubildenden, für gute Arbeitsbedingungen  und für die Einführung von Mindestlöhnen. Und wir brauchen auch deshalb starke und handlungsfähige Gewerkschaften.  
Wir freuen uns heute hier auf dem Schillerplatz bei Euch zu sein, auch wieder mit einem Stand, danken für Eure wichtige Arbeit und Euer Streiten für die Gerechtigkeit, danken für den Erlös der Bewirtung an die Aktion Rückenwind und wünschen Euch eine gute Veranstaltung.

Dialog mit der Jugend

Jugendliche haben durchaus Interesse am Glauben, zumal „das Bedürfnis an Sinnfindung allgegenwärtig ist“. Dies könne aber nur gelingen, wenn authentische Bezugspersonen für die kirchliche Jugendarbeit vorhanden sind, bestätigt Anne Lehmann; Geislingen.
Aus ihrer 4-jährigen Tätigkeit als Jugendreferentin im katholischen Dekanat Göppingen- Geislingen berichtet sie vor knapp 40 interessierten Zuhörern beim forum thomas in Göppingen, in welcher gesellschaftlichen Situation Jugendliche sich derzeit befinden, wie Jugendliche Kirche erleben und wohin letztlich kirchliche Jugendarbeit geht bzw. gehen kann. Die Lebenswirklichkeit der heutigen Jugend zeigt unter anderem, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Diese Polarisierung führt zu einem wachsenden Konfliktpotenzial“. Weiterhin so die Referentin, „der Anstieg von Arbeitsplätzen mit geringen Einkommen zwingt die Jugendlichen zudem zu flexiblen Arbeitsorte. Ebenso komme durch Globalisierung und Digitalisierung ein gestiegener Leistungs- und Bildungsdruck hinzu, somit sind Lebensläufe und Erwerbsbiografien weniger planbar. Familienplanung wird unsicher. Insgesamt könne man gut und gerne vom Aufwachsen der Jugendlichen unter erschwerten Bedingungen sprechen“, so die Referentin. In diese Lebenswirklichkeit hinein besteht kein großes Interesse an Kirche, die aufgrund aktueller Erhebungen vom „SINUS – Lebensweltenmodell u18“ als unnahbar, menschenferne Institution und mit alte Frauen und kalte Kirchengebäude assoziiert wird. Dies sei jedoch nur die eine Seite, die andere Seite der Medaille sei „die Sehnsucht auf Antworten in Glaubens- und Lebensfragen“, so Lehmann. Jugendliche unterscheiden, so die Studie, streng zwischen Religion und Glauben. Das Ergebnis der Studie sei: „Jugendliche greifen auf das zurück, was sie für sich gut empfinden, was ihnen bei Lebensbewältigung hilft und basteln somit einen eigenen Glauben aus religiösen und spirituellen Angeboten von verschiedenen Religionen zusammen. Der Glaube der Jugendlichen sei aber wesentlich spannender, weil alltagsnäher als Religion und Kirche“. Die Jugendreferentin empfiehlt, „mit der Jugend was zusammen zu machen,  das heißt, die Verantwortlichen der Kirche müssen stärker eine „Geh-Hin-Kirche“ werden, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Die Verantwortlichen in den Gemeinden müssten fragen: „Wie sieht denn dein Glaube aus? Aber auch hilfreiche Antworten und Unterstützung auf Lebensfragen muss die Kirche gegen können und da sieht es zur Zeit sehr schlecht aus“, meint die Jugendreferentin. „Da es aufgrund des demographischen Wandels  allein im Landkreis Göppingen in den nächsten 13 Jahren 27 % weniger Jugendliche geben wird, bleiben die Folgen für die Kirche nicht aus“, ergänzt die Referentin. Deshalb ist die dritte und stärkste Empfehlung von Frau Lehmann, „ die Beteiligung von Jugendlichen am Geschehen von Kirche zu ermöglichen“. Dass diese Fragen bereits 1985 in der diözesanen Synode über die „Weitergabe des Glaubens an die heutige Generation“ ein Thema war, machte Diakon Michael Feldmann in der Hinführung auf den Abend deutlich. Spannend wird sein, ob sich die Verantwortlichen der Kirchenleitung diesen den Anfragen der Jugendliche stellen werden.
Felix Müller Dekanatsreferent

Dienstag, 3. April 2012

Partnerschaftlich Kirche sein - Diakonat der Frau

„Partnerschaftlich Kirche sein“:
Unter diesem Motto begeht der Frauenbund den Tag der Diakonin am 29. April in Ulm.
Und macht damit deutlich: Es ist an der Zeit, Frauen endlich zur Diakoninnen zu weihen.
Bislang bewegt sich nichts in Sachen Diakonat der Frau. So kommt es, dass Dokumente, die 40 Jahre alt sind, heute noch hochaktuell klingen. Zum Beispiel ein Text der Würzburger Synode, die von 1971-1976 tagte, mit dem Ziel, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils für Deutschland umzusetzen. Die Synode richtete damals ein Votum nach Rom und bat den Papst, „die Frage des Diakonats der Frau entsprechend den heutigen theologischen Erkenntnissen zu prüfen und angesichts der gegenwärtigen pastoralen Situation womöglich Frauen zur Diakonatsweihe zuzulassen. Eine Antwort auf dieses Schreiben bleibt der Vatikan bis heute schuldig. Nichts scheint sich zu bewegen. Oder doch? Um das Anliegen voranzutreiben, rief der Frauenbund 1998 den 29. April, das Fest der Heiligen Katharina von Siena,
zum "Tag der Diakonin ". Mit Gebeten, Gottesdiensten, Gesprächen  bringen Frauen seitdem ihren Wunsch nach mehr Anerkennung in der Kirche jährlich neu ins Bewusstsein. Für den diesjährigen "Tag der Diakonin" laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Das Anliegen bekommt einen neuen Schwung: Zum ersten Mal richtet der Frauenbund eine bundesweite Veranstaltung dazu aus. Und noch mehr: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hat sich hinter das Anliegen gestellt und feiert mit. Mit seinem Votum für das Diakonat der Frau hebt das ZdK das Thema auch auf die Agenda des innerkirchlichen Dialogprozesses. Diesen hatte die Deutsche Bischofskonferenz im vergangenen Jahr begonnen, als Reaktion auf die Missbrauchsskandale in der Kirche. In Gesprächsrunde mit den Gläubigen geht es dabei um mögliche Reformen. Doch über die Möglichkeit, dass Diakonat für Frauen zu öffnen, scheinen die Bischöfe nicht diskutieren zu wollen. Sie sehen in dem Thema "in erhebliche Belastung für den innerkirchlichen Dialog", ließen sie ausrichten.
weitere Informationen finden sie unter: http://www.diakonat.de/

Montag, 2. April 2012

Narrare humanum est – Gemeinden werden Erzählgemeinschaften


Narrare humanum est – Gemeinden werden Erzählgemeinschaften
 
Erzählen ist menschlich. Und Erzählen macht menschlich.
Erzählen benötigt Zeit. Und Erzählen überwindet Zeit.
Erzählen braucht Gemeinschaft. Und Erzählen schafft Gemeinschaft.


Die Kirche muss den Glauben dort weitergeben, wo er „nachgefragt" wird, und sie muss dies in einer verstehbaren Sprache tun, in der die Lebensrelevanz von Glaubensüberzeugungen deutlich wird. Die Kirche darf sich dabei weder den marktförmigen Gesetzen der Medienwelt noch den Maßstäben der „realen" Welt angleichen. Sie darf auch nicht einfach von zentralen Bekenntnissen abrücken, nur weil sie nicht mehr bekannt sind oder von vielen nicht mehr verstanden werden. Die Kirche muss vielmehr versuchen, das Evangelium „unverfälscht" (1 Tit 2, 7) und inhaltlich profiliert zu verkünden. Dazu gehört auch die Vermittlung religiösen Basiswissens an neuen, medial geprägten Lernorten des Glaubens - eine Vermittlung, in der Glaubensinhalte nicht als „Faktenwissen" aufbereitet, sondern vielmehr bezeugt und (vor)gelebt werden. Eine Kirche, die in diesem Sinne ein glaubwürdiges „Beispiel geben" will (2 Thess 3, 9), wartet nicht auf Menschen, die sie in ihren Gotteshäusern aufsuchen (sollen). Sie geht vielmehr Menschen nach, sie sucht sie selbst auf und lädt sie ein. Sie lebt, was sie lehrt, und will so ein „Vorbild" sein „in ihren Worten, in der Liebe, im Glauben, in der Lauterkeit" (1 Tim 4, 12)

Auferstehung


Die Auferstehung steht für den Weg vom Tod zum Leben, von der Verzweiflung zur Hoffnung, von der Finsternis zum Licht. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Kräfte des Lebens sind stärker. Der Frühling setzt sich gegen den Winter durch. Aus den Wurzeln der abgestorbenen Pflanze keimt neues Leben. Die Auferstehung symbolisiert die Hoffnung, die in mir lebendig ist.

„Am dritten Tage auferstanden von den Toten", heißt es im Glaubensbekenntnis von Jesus Christus. Was damals am Grab wirklich geschehen ist? Die Auferstehung lässt sich nicht beweisen, aber glauben. „Christus ist auferstanden!" Von diesem frohen Osterruf, wie er Ostern in allen Kirchen verkündet wird, haben Menschen sich anstecken lassen, haben den Tod abgeschüttelt und sind zum Leben auferstanden.

Auferstehung beginnt mitten im Leben. Es geschieht etwas in meinem Leben, das alles verändert. Es muss nichts Großes sein, und doch ist alles anders, weil ich es anders sehen kann. Das gibt mir den Mut, neue Wege zu gehen, und Kraft für einen neuen Anfang. Der Glaube an die Auferstehung ist eine innere Haltung. Ich sehe das Leben vor dem Horizont von Hoffnung und Liebe. Ich ersetze meinen Kleinmut durch Großmütigkeit.