Samstag, 31. März 2012

Gesundheitsreligion

Dass viele Deutsche einem übertriebenen Gesundheits- und Fitness-Wahn verfallen sind, das
ist oft Thema in den Medien. Der katholische Theologe, Bestseller-Autor und Arzt Manfred Lütz
sagt es drastischer: Die heutigen Diätmoden überträfen „in ihrem Ernst die Büßer- und Geißlerbewegungen
des Mittelalters", so stellt er in der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins
„Focus" fest. „Kein Zweifel, wir leben heute im Zeitalter der real existierenden Gesundheitsreligion.
All das, was man früher für den lieben Gott tat - wallfahren, fasten, gute Werke
verrichten -, das tut man heute für die Gesundheit", schreibt der Leiter einer Kölner Klinik.
Der Arzt und Theologe Lutz beobachtet bei vielen Menschen ein religiöses Vakuum, das sie
mit „Kunstprodukten" zu füllen versuchen - etwa einer „Gesundheitsreligion". Eine neuzeitliche
Variante des Strebens der Menschen nach Unsterblichkeit. Man versucht quasi das ewige Leben
im Diesseits zu produzieren, was natürlich ein völlig aussichtsloses Projekt ist. Tiefsinnig
und auch humorvoll beurteilt Lutz dieses Bemühen so: Es ist höchst anstrengend, sehr kostspielig,
sehr asketisch, und am Ende stirbt man leider doch. Freilich, auch wer gesund stirbt,
ist definitiv tot.
Dabei hat Lutz ganz und gar nichts gegen einen gesunden Lebensstil. Aber er beobachtet,
dass viele Menschen nicht begreifen, dass Gesundheit nur eine Rahmenbedingung für das
Leben ist, aber nicht das Leben selbst.

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