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Dekanats-Forum für den Dialog- und Erneuerungsprozess in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Dienstag, 9. Juli 2013
„Seht, ich schaffe Neues!“
Die Kirche der Zukunft muss „für die Menschen erreichbar, im Leben daheim und gesellschaftskritisch präsent sein, damit die Menschen einander zum Segen werden“, so die Botschaft von Leo Karrer, Professor für Pastoraltheologie an der Uni Freiburg, Schweiz, beim monatlichen Gespräch beim „forum thomas“ Göppingen. Der Vorsitzende der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen erläuterte den knapp 50 Zuhörern anschaulich, wie er die Umbruchsituation der Kirche in den vergangenen 50 Jahren miterlebt hat. War die Kirche früher ein statisch geschlossenes System, das für viele Menschen Heimat, Zugehörigkeit und Sicherheit darstellte, wurde durch das Konzil und die anschließenden Synoden das Gebilde wesentlich in eine offene Sozialgestalt in der „Kirche als Volk Gottes unterwegs und zum allgemeine Heilswille für alle Menschen“ gewandelt, so er Referent. Diese neue Sichtweise „Gott geht es um alle Menschen“ wurde zu einem neuen modernen Selbstverständnis von Kirche und hat Veränderungen mit weitreichenden Folgen gebracht. Der Referent verdeutlichte zudem: „Seelsorge ist nicht mehr die gleiche wie früher, auch die Pfarrei als feste Größe ist am Schwinden“. „Hat Kirche früher das gesellschaftliche Leben bestimmt und geprägt, so ist sie heute nur noch eine Größe unter vielen“, so der Präsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. Leo Karrer bezeichnet sich selbst als „unheilbar katholisch“ und konnte in seinem Vortrag die Begeisterung von seinen Visionen von Kirche hervorragend vermitteln. Wir brauchen in dieser Umbruchsituation, ist Karrer überzeugt „einen langen Atem“ und wenn wir uns orientieren wollen, „müssen wir auf Jesus schauen“. Hilfreich kann dabei der Blick in die Schrift sein, um feststellen „wie Jesus sich gegenüber den Menschen verhalten hat“. Deshalb müsste eine jesusgemäße Orientierung der Kirche als wesentliches Merkmal für die Zukunft „jeden Menschen ernst nehmen und sich radikal um den Menschen kümmern“, beinhalten. Wir dürfen nicht fragen: „Was kommt uns entgegen, sondern wer kommt uns entgegen?“ Karrers Wunsch an die Teilnehmer: „Wir müssen alle Karten auf Gott setzen“ und unser heutiges Christsein kann nur die „Orientierung an der Gottesliebe und an der Menschenliebe“ sein. Unser größter heutiger Fehler sei, so ergänzt der Buchautor und Professor: „Wir denken Gott viel zu klein“. Er ist zudem fest davon überzeugt, dass aus der derzeitigen gesellschaftlichen Situation heraus, in der die Lebensverhältnisse für die Menschen mehr denn je kompliziert sind, „es nur so nach Kirche schreit“. Er bestärkt die Anwesenden und wünscht dem „forum thomas“ einen langen Atem, dem Anliegen der Frohbotschaft treu zu bleiben und die Erneuerung der Kirche, wie es bereits der Prophet Jesaja schon formulierte „Seht, ich schaffe Neues!“, nicht aus dem Auge zu verlieren. Felix Müller, Dekanatsreferent
Projekt „Gemeinde“ stärkt Pastoral vor Ort
Oberstes Ziel des Projekts „Gemeinde“ ist es, die Gemeinden in der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf die Zukunft hin auszurichten und die Seelsorge vor Ort zu stärken und weiter zu entwickeln. Grundlage wird der „Blickwechsel“ von der „lebendigen Gemeinde zur aktiven Gemeinde im Ort“ sein, so der Projektleiter Michael Elmenthaler beim „forum thomas“ in Göppingen mit knapp 60 Teilnehmern. Die Ergebnisse des Dialog- und Erneuerungsprozesses der Diözese Rottenburg-Stuttgart haben gezeigt, dass Entwicklungsbedarf im Bereich der Seelsorge, des pastoralen Personals und konkreter Felder der Gemeindepastoral besteht. „Wir müssen endlich ernst nehmen, was die Menschen brauchen“, so das Fazit. Projektleiter Elmenthaler versichert: „Die Anstrengungen zur Erneuerung dienen nicht der Erhaltung von kirchlichen Strukturen, sondern es geht um Überprüfung unserer Haltungen, wie wir künftig Seelsorge betreiben wollen“. Die Idee ist demnach „die Pastoral an der Lebenswirklichkeit der Menschen in einem bestimmten Lebensraum auszurichten, das heißt: „Kirche ist im Lebensraum präsent, kooperiert und inspiriert das Zusammenleben der Menschen“. Elmenthaler weiter: „Die Gemeinde lebt ihren missionarischen Auftrag, indem sie die Menschen in ihrem Lebensraum wahrnimmt, sich mit ihnen verbindet, die Botschaft des Evangeliums bezeugt und auf die Zeichen der Zeit hört“. Ein entscheidender Schritt zur Entlastung der Pfarrer wird die „verstärkte Beteiligung von haupt- und ehrenamtlichen Laien in der Gemeindeleitung sein“. Der Bischof wird dabei die gesamten Spielräume des Kirchenrechts und der Gemeindeordnung der Diözese ausnutzen, wurde zugesagt. Ein solcher „Blickwechsel“ in der Pastoral hat auch Auswirkungen auf die Priester und alle Seelsorger/-innen im Haupt- oder Ehrenamt. Künftig wird weniger der „Einzelkämpfer“, sondern der „Teamplayer“ gefordert sein - von der „Allzuständigkeit“, vor allem des Priesters, hin zu einer Delegation der Aufgaben auf viele Schultern. Im Sinne des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen hat auch Konkurrenzdenken zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen genauso wenig Platz wie die Sichtweise, dass ehrenamtliche Mitarbeiterinnen nur „Helfer/-innen“ der Hauptamtlichen sind. Mitte und Ziel des kirchlichen Lebens vor Ort ist und bleibt die Feier der Eucharistie, aber mit der Maßgabe, dass alle Priester im aktiven Dienst angehalten sind, am Sonntag, einschließlich der Vorabendmesse, nur drei Eucharistiefeiern vorzustehen. Dort, wo keine Eucharistiefeier am Sonntag angeboten werden kann, ist es in der Diözese gute Tradition, dass sich die Gemeinde zur Wortgottesfeier in der Kirche versammelt. Diese Praxis begrüßt und wünscht der Bischof ausdrücklich. Er will dies sogar aktiv einfordern. Damit die Empfehlungen der Diözese auf fruchtbaren Boden fallen, bedarf es der intensiven Fort- und Weiterbildung der Priester und aller hauptamtlichen pastoralen Dienste. Elmenthaler unterstreicht: „Gerade hier brauchen wir in unserer Diözese eine neue Kultur der Qualitätssicherung“, denn „die Qualität pastoralen Handelns ist ein entscheidender Aspekt dessen, ob Kirche in unserer Gesellschaft als wertvoll wahrgenommen oder als bedeutungslos ausgeblendet wird“. Felix Müller, Dekanatsreferent
Dienstag, 30. April 2013
„Werdet nicht müde barmherzig zu sein!“
Der Sprecher des 24-köpfigen Diözesanpriesterrat, Pfr. Msgr. Herbert Schmucker (70), Stuttgart, bestätigte beim letzten „forum thomas“-Gespräch in Göppingen: „Die Priester müssen sich mit den Gläubigen in den Gemeinden über eine Schwerpunktsetzung in der Seelsorge verständigen, denn in den neuen großen Pfarreien oder Seelsorgeeinheiten wird es für den Priester immer schwieriger, in der ganzen Breite des pastoralen Raumes noch präsent zu sein und alle pastoralen Aktivitäten einer Pfarrei zu leiten oder zu begleiten“. Eine besondere Chance für die Zukunft sieht Schmucker „in der Zusammenarbeit der anderen Dienste und es müssen Aufgaben auch wieder in diese ursprüngliche Verantwortung aller Glaubenden zurückgegeben werden, damit das Profil der Priester deutlicher wird“. Gerade die heutige Rolle der Priester müsse noch deutlicher herausgestellt werden, war die mehrfache Forderung vom Publikum an den Referenten, zu dessen Aufgabe auch die Vertretung der Priester gegenüber dem Bischof obliege. Werbend benannte der Referent: “Nicht jeder Priester wird in Zukunft als Pfarrer tätig sein. In den neuen pastoralen Räumen können sich Priester mit einer großen Vielfalt an Charismen und Begabungen einbringen und die damit verbundenen Chancen sollten wir noch viel mehr nutzen“, in seinem Schlussplädoyer.
Mit den knapp 50 anwesenden Teilnehmern war er einig, dass „das seitherige Priesterbilder heute nicht mehr trage und es bedürfe der Erneuerung oder Ergänzung. Der Priester soll ja der Entwicklung des Volkes Gottes dienen – es darf keine Über- oder Unterordnung geben“, was er mehrfach in seinem Referat betont hat. „Die Laien bekommen ihre Würde von Gott nicht vom Priester“, bezog er eindeutig Stellung. Für ihn stellt sich auch die Frage, „wie wir gemeinsam unser Bild zukünftigen Kircheseins entwickeln können“. Dazu wird es unerlässlich sein, „dass das Gespräch über das gemeinsame Priestertum aller Getauften und den Dienst des Priesters weitergeführt wird“. Ein erster Ansatz wurde dieser Tage in Göppingen versucht. Im Juni findet die Reihe ihre Fortsetzung mit der „Frage der Laien und deren Aufgabe“.
Felix Müller, Dekanatsreferent
Donnerstag, 28. Februar 2013
Augeschlossen von den Sakramenten
Jede dritte Ehe wird in Deutschland geschieden, in Städten sogar jede zweite. Christliche Ehen sind von dieser Entwicklung nicht ausgeschlossen. Viele Geschiedene wollen auf Dauer nicht alleine leben und binden sich neu. Heiraten sie wieder, hat das für Katholiken weitreichende Folgen. Sie werden ihr Leben lang, laut Kirchenlehre, vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen. „Die Kirche sei hart und unbarmherzig im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen“, stellen nicht nur viele der anwesenden Gläubigen beim letzten „forum thomas Gespräch“ in Göppingen fest. Wie es zu der für viele unverständlichen Position der katholischen Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe kam und was sich ändern könnte, erläuterte der Fachreferent Dr. Norbert Reuhs, Diözesanrichter am Bischöflichen Offizialat Rottenburg, der vormals fünf Jahre lang in der Seelsorgeeinheit Göppingen St. Maria und Christkönig als Pastoralreferent tätig war. In seinem Vortrag hält er fest, dass Jesus nicht den gewünschten Satz liefert: „Ehescheidungen ist erlaubt“, dennoch ist der Weg Jesu nicht reine Kasuistik, sondern bezieht sich auf die Lehre vom Reich Gottes und deshalb dürfen „Geschiedene durchaus Gottesnähe suchen, weil sie der Liebe Gottes bedürftig sind“. Dass die Tendenz der Scheidungen stetig steigt, ist allenthalben bekannt. Es mag daran liegen, so der Referent, „dass Menschen länger leben, das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau sich geändert hat und auch die bislang als Zweckgemeinschaft oder Vernunftehe geführte Gemeinschaft nicht mehr gegeben ist“. Daraus ergibt sich aber durchaus die berechtigte Frage: „Hat die katholische Kirche dies nicht wahrgenommen und warum muss sie bei der Ehe, die als „Bild der Zuwendung Gottes“ gesehen wird, grundsätzlich festhalten und kann sich nicht den heutigen Gegebenheiten anpassen oder annähern?“ In dem Schreiben „Gaudium et Spes“ Art. 48 wird wohl der Begriff neu definiert „als Gemeinschaft, die das ganze Leben umgreift“, und öffnet einen neuen Zugang, zum Beispiel wegen der Erziehung der Kinder, oder „zur Vermeidung von Schlimmerem“, wie es bereits der Kirchenvater Origines 185 n.Chr. auch schon feststellte. Dennoch die Frage für uns heute bleibt: „Wie kommen wir aus dem Dilemma raus?“ Eine Möglichkeit sei, so der Referent, wir hinterfragen, ob es sich um eine gültige Ehe handelt? Wenn nicht, besteht die Möglichkeit ein „Nichtigkeitsverfahren“ einzuleiten, um zu prüfen, dass die Ehe von vornherein keine Ehe im Sinne der Kirchenlehre war. Eine weitere Möglichkeit sieht Dr. Norbert Reuhs für die Zukunft darin, dass sich die katholische Kirche der Orthodoxen Kirche annähert, die wohl zu dem Prinzip „Scheidung Nein“ halten, aber eine Zuwendung zu den wiederverheirateten Geschiedenen ermöglicht. Dergestalt, dass die Kirche die neue Gemeinschaft akzeptiert und nach einer längeren Bußzeit in einer liturgischen Feier den neuen Bund feststellt und segnet. Fazit der Abendveranstaltung: „Viele Seelsorger, die in ihren Gemeinden mit den seelischen Nöten Betroffener konfrontiert sind, versuchen zusammen mit wieder verheirateten Paaren eine Gratwanderung zwischen Gehorsam gegenüber dem kirchlichen Lehramt und der persönlich beantworteten Gewissensentscheidung zu gehen“.
Felix Müller Dekanatsreferent
Wo ist der Platz der Kirchen?
Der Chefredakteur der „Herder Korrespondenz“ Ulrich Ruh aus Freiburg versuchte eine Standortbestimmung und beklagte beim ökumenischen Studientag vor 30 Teilnehmern in Heiningen zuerst, dass es „ein großer Fehler sei, dass wir von den anderen immer noch nicht viel wissen“. Seine Empfehlung war deshalb: „Nutzen Sie deshalb die Chance auf einander zuzugehen, die die zwei Großereignisse, die den beiden Kirchen ins Haus stehen, bieten: Zum einen das 50-jährige Jubiläum des Zweiten Vatikanisches Konzils, das noch bis 2015 gefeiert wird und die Jubiläumsveranstaltung der Reformation im Jahr 2017. In seiner Einschätzung stellt der Chefredakteur fest: „Wir haben in der BRD einen normalen, höflichen und geschäftsmäßigen Umgang, da beide Großkirchen mit jeweils 30 % paritätisch vertreten sind. Hilfreich ist zudem, dass die christlichen Kirchen in Deutschland gegenüber der Öffentlichkeit immer im Doppelpack vorhanden sind und auftreten - das erleichtert im Wesentlichen die Ökumene. Und die beiden Kirchen sind und bleiben stabile Institutionen, denn keine der gesellschaftlichen Umbrüche hat die beiden Kirchen in ihrem Gehalt wesentlich beschädigt. Dennoch leiden die Kirchen unter massiver Erosion in den Mitgliederzahlen, im Teilnahmeverhalten und erschreckend niedrig sei das Wissensniveau, nicht nur bei Jugendlichen. Spezielle Probleme habe die katholische Kirche in den sittlichen Weisungen der Kirchenleitung, der Abnahme von Klerus und Orden und die Nichtbeachtung kirchlicher Autorität. Die eingeleiteten beiden Gegenmaßnahmen, sei es der 2006 begonnene Reformprozess der evangelischen Kirche mit dem Titel „Kirche der Freiheit“ oder der Dialogprozess innerhalb der katholischen Kirche, der das Vertrauen wieder zurückgewinnen will, sind nach seinem Dafürhalten, „nicht sehr hilfreich, da sie nicht sauber strukturiert sind.“ Das Christentum wird in der Gesellschaft gerade im sozialen und kulturellen Bereich sehr wohl geschätzt, jedoch im religiösen Kern ist vieles nichts mehr selbstverständlich. Die Kirche wird als ein Angebot unter vielen gesehen, dass das Christentum mal vorrangig behandelt wurde ist längst dahin. Christentum ist zu einer persönlichen und Privatsache geworden, zumal „man lässt sich in die private Lebensführung nicht mehr hineinreden“. Am konkreten Beispiel der Taufe wird dies deutlich: „Sie wird nicht mehr als Eingliederung in die Kirchengemeinschaft gesehen, sondern wird mehr und mehr als Familienfest zelebriert“. Er sieht zwei Möglichkeiten: „Entweder man rückt näher zusammen oder man beschränkt sich auf den eigenen Laden.“ Es wäre für ihn das Gebot der Stunde „vom Anderen zu lernen“. Austausch und Lernen werde angesagt, sowohl im Bereich Gemeindearbeit, neue Orte der Pastoral suchen, Evangelisierung, Reform der Gottesdienste und die Qualität der Predigt zu verbessern. Die Lernbereitschaft könnte helfen, über die klassischen strittigen Punkte von Amt und Eucharistie hinweg zu kommen und die Sachlage entspannter über den indirekten Zugriff aufzulösen und so an einem neuen „Kirchenbild“ zu arbeiten.
Wie Kirche für die Zukunft wirklich aussieht, kann er selbst nicht beantworten, aber so viel ist ihm klar: „Ganz gleich, welcher Papst gewählt wird, es geht nichts mehr ohne Ökumene. Ökumene bleibt auf der Tagesordnung und kann nicht blockiert werden.“
Felix Müller, Dekanatsreferent
Donnerstag, 29. November 2012
Kirchensteuer ist Vitalitätselexier
Ohne Geld geht nichts! Unumstritten ist sie aber keineswegs, die Kirchensteuer. Kritiker haben dabei grundsätzlich Einwände und argumentieren, dass sie der gebotenen Trennung von Kirche und Staat widerspreche. Die Mitglieder vom „forum thomas“ haben sich dieser Tage mit der Thematik auseinandergesetzt und den Redakteur der kirchenkritischen Zeitung „publik forum“, Thomas Seiterich, zum Gespräch geladen. Der Referent führte aus: „Jede Glaubensgemeinschaft benötigt für ihre Zwecke Geld. Die Sorge für die Gläubigen, ein lebendiges kirchliches Leben, Caritas und solidarische Hilfe gibt es nicht zum Nulltarif.“
Der Zeitungsredakteur erinnerte in seinem Referat an die deutsche Geschichte, die für die christlichen Kirchen ein einmaliges System der Kirchenfinanzierung hervorgebracht hat. „Ausgangspunkt der heutigen Kirchensteuer seien die Enteignungen der Kirche am Ende der napoleonischen Zeit. Die weltlichen Herren, denen das Kircheneigentum in die Hände fiel, sollten zur Entschädigung selbst für eine angemessene Ausstattung der Kirche sorgen. Bald begannen kleinere Territorialstaaten, den Kirchen ein Recht zur Steuererhebung einzuräumen. Das war die Geburtsstunde der Kirchensteuer, die dann in der Weimarer Reichsverfassung rechtlich verankert wurde und dies auch im heutigen Grundgesetz noch ist. Alle Bundesländer haben zur Ausführung die nötigen Landesgesetze geschaffen, deshalb schwanken die Prozentzahlen.“
Seiterich weiter: „Die Kirchensteuer macht ja im Wesentlichen die Sozialgestalt von Kirche aus. Deshalb beinhaltet die Thematik letztendlich immer auch das Thema „Kirche“ schlechthin, so wie wir sie uns vorstellen und wünschen.“
Deutschland ist im Vergleich eine sehr reiche Kirche, zumal sie bis zu einem Drittel den Vatikan mitfinanziert. Während man von der Kirche in Frankreich als einer armen Kirche sprechen kann, die aber demzufolge auch keine „Glaubwürdigkeitsprobleme“ hat, denn wer dort mitarbeitet, ist von der Sache Jesu echt überzeugt.
„Da die Kirchensteuer freiwillig sei, müsse man sie so wie einen Vereinsbeitrag sehen“, gibt Seiterich zu bedenken.
Es gäbe nämlich gewaltige Vorteile. „So ermögliche sie eine breite Präsenz, entlastet den Staat beträchtlich und trägt stark zum Gemeinwohl bei.“ Dennoch wird, nicht nur vom Referenten, „mehr Transparenz und Mitsprache über die Verwendung der Gelder“ gewünscht. Dieser Sachverhalt wird in Österreich gewährt. Dort müssen die Bischöfe gegenüber dem Kirchenvolk regelmäßig Rechenschaft über die verwendeten Gelder ablegen. Ebenso in der Schweiz geht das Geld von unten - von den Gemeinden - nach oben zur Diözese und beinhaltet damit eine gute basisdemokratische Regelung. Ergänzt wurde: „Das Kirchensteuersystem in Deutschland ist stark konjunktur- und steuerreformabhängig, jedoch auch sehr bequem, denn die Kirchen ersparen sich den direkten Kontakt mit den Gläubigen. Der Staat selber fährt sehr gut damit, nachdem er selbst drei Prozent der Geldmittel für sich beanspruchen darf.“ Abschließend wurde festgehalten: “Die Kirchensteuer ist keine Steuer des Staates, der Staat verdient nur daran. Politisch also ist das System in absehbarer Zeit nicht in Gefahr. Gleichwohl bleibt das deutsche Verfahren immer ein heikles Thema, dem nur durch Transparenz zu begegnen sei.“
Felix Müller, Dekanatsreferent
Mittwoch, 28. November 2012
Aufbrechen ist die Bewegung des Glaubens
Beim jährlichen biblischen Studientag warb die Referentin Frau Anneliese Hecht vom Katholischen Bibelwerk bei den Hauptamtlichen des Katholischen Dekanats Göppingen-Geislingen: „Wir brauchen Visionen, denn ohne Visionen verkommt das Volk“, wie es bereits im Buch der Sprüche steht.
Selbst renommierte Hirnforscher bestätigen: „Die Kraft der inneren Bilder, die in unserem Gehirn entstehen, sind notwendig für das „Vorwärtskommen“. Nicht nur für die Kirche, gleichwohl selbige insgesamt abnimmt, sondern auch andere Gruppierungen und Gemeinschaften machen sich diesen Sachverhalt zu nutze.
Insgesamt lässt sich feststellen, so die Referentin: “Die „Graswurzelbewegung“ in der Kirche nimmt zu. Immer mehr kleine Gruppierungen entstehen und nehmen zahlenmäßig kräftig zu. „Jeder bringt seine Visionen ein, es werden Leben und Glauben geteilt“. Die weitgereiste Vertreterin des Bibelwerks bestätigt: „Es gibt viele kleine Aufbrüche. man kann es sogar jahreszeitlich deuten: „Die Knospen unter den Zweigen, wir nennen es Herbst, deuten das Neue, den Aufbruch, den Frühling, bereits an“.
In der Bibel lassen sich viele Hinweise finden, die als „Grundhaltung für uns Christen- das ständige Aufbrechen“, gelten.
Biblische Texte haben Menschen von alters her schon immer zum Aufbruch bewegt. Der erste Schritt sei jedoch das „Gottvertrauen“. Wir lernen bereits von den Urvätern und Urmüttern im Glauben, wie es gehen kann. Aufbrechen hat jedoch zwei Dimensionen, zum einem muss ich Altes zurücklassen, ich muss loslassen können, um Neues zu empfangen.
Wir Menschen brauchen auch stets eine geistige Hygiene, damit die Welt verändert werden kann. Menschen, die solche Visionen haben, setzen auf das „Gottvertrauen“, sie bilden überschaubare Gemeinschaften und letztendlich muss das Volk Gottes die Verantwortung selbst übernehmen. Deshalb ist Frau Hecht abschließend überzeugt: „Wir müssen mündige Christen heranbilden, wir können die Probleme nicht den Anderen überlassen und abschieben - denn schließlich und endlich sind es wir selbst „das auserwählte Volk Gottes, hierzu brauchen wir aber mehr Zeit für Gott.“
Felix Müller, Dekanatsreferent
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